In der Mitte ein riesiges, affenartiges Wesen mit Flügeln. Daneben drei Frauen mit starrem Blick. Dahinter, kaum zu erkennen, Gestalten für Krankheit, Wahnsinn und Tod. Rechts Figuren, die für Begierde und Maßlosigkeit stehen. Wer vor Gustav Klimts „Feindlichen Gewalten“ steht, spürt etwas, das schwer in Worte zu fassen ist: Hier ist eine Ordnung aus den Fugen.
Dieser Essay ist eine persönliche Lektüre. Ich frage: Warum spricht ein Bild von 1902 heute so viele Menschen an, die selbst in einem Umbruch stehen?
Das Bild in seinem Zusammenhang
Klimt schuf den Beethovenfries für eine Ausstellung der Wiener Secession im Jahr 1902, die Ludwig van Beethoven gewidmet war. Der Fries zieht sich über drei Wände und erzählt eine Bewegung: von der Sehnsucht nach Glück über die feindlichen Gewalten bis zu einem Schluss, der sich auf Schillers „Ode an die Freude“ bezieht – den Text, den Beethoven im letzten Satz seiner neunten Sinfonie vertont hat.
Die „Feindlichen Gewalten“ sind also nicht das Ende der Geschichte. Sie sind die Mitte. Sie stehen zwischen Sehnsucht und Erfüllung. Wer zum Schluss will, muss durch sie hindurch.
Wie Wien um 1900 aussah, warum die Secession gegründet wurde und welche Ideen damals in der Luft lagen, habe ich in einem eigenen Beitrag beschrieben: Wien um 1900: die Secession und der Hintergrund des Beethovenfrieses.
Was die „Feindlichen Gewalten“ zeigen
Im Zentrum steht Typhon, ein Riese aus der griechischen Mythologie. Klimt malt ihn nicht als klar umrissenen Gegner, sondern als wuchernde Masse aus Fell, Flügeln und Schlangenleib. Die Gorgonen neben ihm sind schön und bedrohlich zugleich.
Mir fällt dabei vor allem auf, wie wenig eindeutig das Bild ist. Nichts ist nur Feind. Die Figuren locken, sie lähmen, sie ziehen den Blick an. Das ist für mich der Kern: Ein Umbruch fühlt sich selten wie ein klarer Angriff an. Eher wie ein Zustand, in dem Anziehung und Angst, Erschöpfung und Unruhe gleichzeitig da sind.
Der Schwellenmoment
Viele kennen dieses Gefühl aus dem eigenen Leben: Das Alte trägt nicht mehr, das Neue ist noch nicht da. Das kann ein Beruf sein, eine Beziehung, ein Selbstbild. Manchmal ist es auch das Gefühl, dass Institutionen, auf die man sich verlassen hat, an Halt verlieren.
Klimts Fries gibt diesem Zustand einen Ort in einer Erzählung. Er sagt nicht: Das wird gut. Er sagt nur: Das gehört zum Weg. Diese Haltung finde ich hilfreich. Sie nimmt den Druck, die Schwelle sofort überspringen zu müssen.
Eine astrologische Lesart – als Deutung
In der vedischen Astrologie werden langsame Planeten wie Saturn gern als Bild für kollektive Themen gelesen. Saturn steht seit dem Frühjahr 2025 im siderischen Zeichen Fische. In meiner Lesart passt das zu einer Zeit, in der feste Formen an Bindungskraft verlieren und die Frage nach innerer Erfahrung wichtiger wird.
Ich möchte das ausdrücklich als Deutung verstanden wissen. Planetenstände verursachen keine gesellschaftlichen Ereignisse, und sie sagen nicht voraus, wie eine Zeit ausgeht. Sie können ein Bild anbieten – so wie Klimts Fries eines anbietet. Für dein eigenes Leben ist ohnehin entscheidender, welche persönliche Phase bei dir gerade läuft.
Was ich aus dem Bild mitnehme
- Schwellen sind Teil des Weges. Wer gerade im Unklaren steht, ist nicht gescheitert, sondern mittendrin.
- Nicht jede starke Anziehung ist eine Richtung. Manche Kräfte im Bild locken und lähmen zugleich. Es lohnt sich zu prüfen, was dich wirklich zieht.
- Der Schluss gehört zur Erzählung. Klimt malt nach den feindlichen Gewalten nicht Sieg, sondern Freude und Verbundenheit. Vielleicht ist das die stillste Botschaft des Frieses.
Wenn du selbst gerade an so einer Schwelle stehst und sie mit Ruhe anschauen willst, findest du auf der Startseite, wie ich arbeite.
